Wie der »Weihnachtsmann Claudius« geboren wurde.
© famveldman
... hoch oben im »echten Norden«, auf dem Weihnachtsmarkt einer bekannten Hafenstadt. Dort begegnete mir ein Weihnachtsmann, der keiner war.
Ich war damals schon Vater von zwei kleinen Jungen – glücklicherweise waren die beiden nicht dabei. Denn dieser »Weihnachtsmann« war grauenhaft.
Noch heute, vier Jahrzehnte später, sehe ich ihn vor mir: den dünnen, langen Kapuzenmantel aus rotem Filz, die dunkelgrünen Gummistiefel, als käme er direkt aus dem Wattenmeer, und diese unheimliche Halbmaske mit einem aufgeklebten Wattebart.
Doch das Schlimmste war seine Rute, mit der er sich unablässig in die Hand schlug und vorbeigehenden Kindern drohend nachsetzte. Ein Bild, das einem das Herz gefrieren ließ. Zum Davonlaufen.
© fotoskaz
In jener Nacht konnte ich nicht schlafen. Der Weihnachtsmann meiner Kindheit war ein anderer: gütig, warmherzig, › prachtvoll gekleidet! Ein Freund der Kinder, ein Bote des Lichts.
Und so fragte ich mich: „Muss das so sein? Wo ist der Zauber geblieben? Kann man den Zauber nicht zurückholen – schöner, heller, wahrer? Kurzum: Geht das nicht besser, viel besser?“
Es war, als öffnete sich in diesem Moment eine unsichtbare Tür. In mir erwachte eine Sehnsucht, ein Ruf, eine Berufung und ich spürte: Hier beginnt etwas Neues. Und so wurde in jener Nacht mehr als nur ein Gedanke geboren – »der liebe gute Weihnachtsmann Claudius«.
Am nächsten Morgen zog es mich in die Stadtbücherei – denn mit »Google« verband man 1985 nur sächsischen Weihnachtsbaumschmuck. Dort suchte ich nach den Spuren des Weihnachtsmannes in alten Büchern und Geschichten.
Ich las Hans Christian Andersen und Theodor Storm, und entdeckte beiläufig, dass der »Weyhnachtsmann« bereits im Dezember 1770 in einer Berliner Wochenschrift publizistisch erwähnt wurde. Die Legende, Coca Cola habe ihn erfunden, war nichts als ein Märchen – ein falsches, also »Coca Lores«.

Weihnachtsmann-Darstellung, ca.
1890
Aus meinen Studien entstand ein Konzept – vier Seiten lang, ein Drehbuch für den echten Weihnachtsmann. Kein Kaufhauskostüm, kein amerikanischer Santa im Hosenanzug. Ich bestellte mein erstes, wertvolles Gewand bei einem Fachhändler in München: einen Mantel, traditionsbewusst und würdevoll, wie aus den Geschichten alter Zeiten.
Mit Kleinanzeigen begann ich Familien zu suchen – jeder Auftritt wurde vor Ort im Detail besprochen.
Und so kam der Heiligabend. Ich erschien bei meinen ersten »Weihnachtskindern« – und dann geschah das Wunder.
©bst 2012
Während ich die Herzenswünsche der Kinder erfüllte, erhielt ich – völlig unerwartet – selbst ein Geschenk. Strahlende Augen, leuchtende Gesichter, tiefe Dankbarkeit, Freude, die mein Herz überwältigte.
Drei Dinge
sind uns aus dem Paradies geblieben:
die Sterne der Nacht, die Blumen des
Tages und
die Augen der Kinder.
(Dante Alighieri)
Müde, doch überglücklich kehrte ich heim. Dieses Gefühl tiefer Verbundenheit mit den Kindern war wie ein Stern, der in mir aufging. In jener Weihnachtsnacht wusste ich: Dies ist mehr als ein »Studentenjob«. Es ist ein neuer Teil meines Lebensweges.
© dhpmedia
Seitdem gehe ich ihn nun schon vier Jahrzehnte. Unzählige Augenblicke voller Glück* sind dabei zu den schönsten »Geschenken« meines Lebens geworden. Denn darin offenbart sich der wahre Zauber von Weihnachten – jener Zauber, der nicht in Geschenken liegt, sondern in den Herzen der Menschen lebt.
* Eine meiner schönsten Weihnachtserinnerungen erzählt von einem bescheidenen Mädchen, dessen Herzenswunsch erfüllt wurde – ein Moment, der nicht nur die Eltern, sondern auch mich zu Tränen rührte.
Diese Geschichte ist Teil meines entstehenden Buches und hier bereits als Vorabdruck zu lesen